Deutsche Sprachkenntnisse bei Geistlichen als Voraussetzung zur Einreise?

Vor anderthalb Jahren bekam die äthiopisch-orthodoxe Gemeinde in Berlin einen neuen Pfarrer. Der bisherige wurde als Bischof nach Äthiopien berufen. Der neue, direkt aus Äthiopien kommend, sprach so gut wie kein Wort Deutsch. Nach den jetzt bekannt gewordenen Plänen des Bundesinnenministeriums hätte er keine Chance gehabt einzureisen. Sprachkenntnisse sollen auch für Geistliche zur Bedingung für die Beschäftigung in Deutschland gemacht werden. Die Gemeinde hätte allein dagestanden, ohne einen neuen Geistlichen.

Grundsätzlich ist Seehofers Anliegen zu begrüßen. Sprachkenntnisse sind entscheidend für die Integration. Die Frage ist aber, ob diese nicht auch hier erworben werden können.  Der neue Pfarrer der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde hätte in Äthiopien wohl kaum eine Chance gehabt, ausreichend Deutsch zu lernen. Das holt er hier jetzt übrigens nach. Vermutlich mit größerem Erfolg als in Äthiopien, denn nirgends lernt man eine Sprache so gut wie dort, wo sie auch gesprochen wird. Nicht ohne Grund werden (jungen) Menschen Sprachreisen empfohlen. 

In Berlin gibt es eine kaum zu überschauende Fülle von muttersprachlichen christlichen Gemeinden und Kirchen. Diese brauchen Seelsorger und Seelsorgerinnen – ja, es sind auch Frauen darunter – die sie in ihrer Muttersprache ansprechen können. Den aus dem Ausland stammenden Geistlichen kommt eine wichtige Brückenfunktion zu: Die Vermittlung zwischen der deutschen Kultur und der Kultur des jeweiligen Heimatlandes. Es ist wichtig, dass die Seelsorgerinnen und Seelsorger Ihren Gläubigen (noch) fremder Umgebung Sicherheit und Geborgenheit vermitteln können. Das schließt die Ansprache in ihrer Muttersprache ein.

Integration ist ein Prozess. Manchmal geht er über Generationen. Die Debatte sollte also mit Gelassenheit und Augenmaß geführt werden. Rigide Forderungen sind keine Lösung. Ein ausreichendes und leicht zugängliches Angebot an Deutschkursen allerdings sehr wohl. Die wären dann auch was für manchen Einheimischen. Wer spricht schon seine Sprache druckreif und perfekt? Ach Berlin, ick liebe dir …

19.03.2019

Hans-Joachim Ditz

Geschäftsführer des ÖRBB und Ökumenebeauftragter des Erzbistums